homöophatie für den lebensweg
1
Entwicklung und Wandlung von Mensch und Bewusstsein
| Kapitel
1 |
Bewährte Homöopathie bei akuten Krankheitskrisen |
| (mit einer homöopathischen Hausapotheke in C30) | |
| Kapitel 2 | Homöopathische Begleitung des Kindes in der Krise |
| Kapitel 3 | Homöopathie weckt tieferes Verständnis für Krankheit und Heilung |
| Kapitel 4 | Homöopathie für den Beziehungskonflikt |
| Kapitel 5 | Homöopathische Lebensbegleitung und Bewusstseinsförderung |
| Anhang | Arzneiordnung, Arzneinahme und Herkunft der Arznei |
Vorwort
Dieses Buch möchte deine Liebe zur Homöopathie wecken. Meine Liebe zur Homöopathie erwachte früh, viel früher, als ich von ihr denn schon etwas wissen konnte. Ich war noch ein sehr kleines Kind, als ich von meinem Großvater mütterlicherseits bei allen möglichen Anlässen, die mir damals natürlich gänzlich unbegreiflich waren, in ein Schwitzbad gesteckt wurde und schrecklich heißen, grauenvoll bitteren Kräutertee trinken musste, bis mir fast die Sinne schwanden. Mein Großvater war dabei unerbittlich streng, aber dennoch liebevoll – dies spürte ich trotz der an diesen Torturen erlittenen Qual. Er war, wie ich erst viel später verstehen konnte, von seiner böhmischen Mutter – meiner sudetendeutschen Urgroßmutter – unterwiesen worden, der Lebenskraft – und nur ihr – in allem zu vertrauen. Sie verstand es, diese Kraft des Lebendigen in Krankheitsfällen derart und mit einfachen Mitteln anzuregen, um ihr und letztlich nur ihr die Heilung allen Übels zu überlassen. An ein einschneidendes Erlebnis erinnere ich mich diesbezüglich – ich mag da 4 Jahre alt gewesen sein -, als mein Großvater eines Tages in seinem Übereifer den Kirschbaum zu begehrlich (es war 1951 anscheinend ein gutes Kirschenjahr) und wohl zu riskant hinaufgestiegen war: er fiel von der Leiter herunter, zerschmetterte sich den rechten Fußknöchel und erlitt schreckliche Prellungen am ganzen Körper. Doch was tat er, gerade noch – oder schon nicht mehr ganz – im Besitz seiner Sinne? Er weigerte sich standhaft, ins Krankenhaus gebracht zu werden oder einen Arzt hinzuzuziehen, sondern er vertraute lieber den eigenen Heilkräften. Diverse Umschläge und Auflagen mit Kräutern wurden von ihm ungeduldig angeordnet und von meiner Großmutter und meiner Mutter zaghaft und eingeschüchtert angewendet. Der vor Schmerzen stöhnende und in seiner Wundheit gereizte, unleidliche Großvater erlegte sich – ich gönnte es ihm von Herzen – bittere Heiltees und dazu noch eine Fastenkur auf. Das mag wohl über Wochen, wenn nicht über Monate so dahin gegangen sein – ich erinnere mich an diese Zeit nur wie in einem sehr fernen Spiegel, spüre aber noch immer den heiligen Schauer und die gedämpfte, besorgte und gleichzeitig auch heroische Atmosphäre des Geschehens. Übrigens: ich hatte meinen Großvater später niemals humpeln oder hinken gesehen. Es konnte sich also nur um einen höchst achtbaren Heilerfolg gehandelt haben.
Dieses Geschehen muss mich wohl mehr geprägt und beeindruckt haben, als
ich es denn begreifen konnte. Erst viel später in meinem Leben, als ich
schon lange Zeit als Arzt homöopathisch tätig war und mich mit der
alles tragenden und alles integrierenden Kraft des Lebendigen gründlich
auseinandergesetzt hatte, wurde mir der Zusammenhang mit jenen meine Kindheit
prägenden Ereignissen wieder erinnerlich. Eigentlich erst im vergangenen
Jahr, während der Vorbereitung eines Seminars für an meiner Sicht
von Heilung interessierte Ärzte und Therapeuten, wurde ich mir der Wiege
meines Vertrauens in jene uneingeschränkte Heilkraft bewusst. Ich stieß
da wie nebenbei wieder auf die Prägung durch meine böhmischen Vorfahren
– die in ihrer Armut nichts anderes zur Verfügung hatten als Wasser,
Kräuter, Heilsalben – und eine tief verwurzelte, spirituelle Haltung
der gläubigen Hingabe an das Leben, so wie es ist, und so wie es wohl kommen
mag .
Im gewissen Sinne ist dieses Buch also auch der vorläufige Ertrag eines
Prozesses, der irgendwo im böhmischen Mecklenburg , bei Sebastian Kneipp
und anderen Heroen der Heilkunst begonnen hatte und über mehrere Generationen
von tief spirituellen, weil der Ganzheit und Einheit des Lebens verpflichteten
Ahnen als Lebenshaltung des Anvertrauens zu mir weiter geflossen ist. In bedingungsloser
Ausrichtung auf jene Lebenskraft, die uns trägt und nährt und liebt,
ist dieses Buch von mir nun verfasst und in mehreren Seminaren der vergangenen
Jahre an interessierte Laien und an die ärztlich-homöopathische und
systemisch-psychotherapeutische Kollegenschaft weitergereicht worden. Es verbindet
die homöopathische Arzneitherapie, die auf den klaren Regeln der Heilkunst
Samuel Hahnemanns beruht, mit einer Sichtweise auf Mensch, Krankheit und Heilung,
die der systemischen, auf Bert Hellinger und viele andere Persönlichkeiten
seines Wirkkreises zurückweisenden Aufstellungsarbeit und meiner aus ihr
gewonnenen Erfahrung entsprungen ist. Diese beiden mich inspirierenden Wurzeln
sind von einer Einsicht eingeholt und durch diese noch vertieft worden, die
sich mir in mehreren Schritten meiner eigenen Bewusstseinsentwicklung eröffnet
hat. Diesen geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen verdanke ich mein Selbstverständnis
als Mensch in der Welt und als Arzt in der heutigen, von naturwissenschaftlicher
Erkenntnis und den aus ihr abgeleiteten Menschenbildern in Biologie, Soziologie
und Psychologie geprägten Zeit. So bestehe ich gerade angesichts dessen,
an was wir heute in kollektiver Übereinkunft über den berechenbaren
Aspekt des Menschen zu wissen glauben, auf meinen Beitrag zu einem tieferen
Verständnis des ganzen Menschen. Dieses bezieht seine akausale, also jenseits
von Raum und Zeit stehende Dimension in jene Betrachtungen der Krisen und Herausforderungen
durch Krankheit und Konflikt mit ein und versucht so, dem Menschen als Wesen
polarer und rückbezüglicher Aspekte gerechter zu werden. Dieses Verständnis
verdanke ich hinsichtlich eines spirituellen Menschenbildes besonders dem Werk
und Vermächtnis von Friedrich Weinreb, dessen Verständnis um die Nähe
des Menschen zu seinem Schöpfer mich tief berührt. Die Dynamik der
menschlichen Bewusstseinsentwicklung aber, die mir einen vertieften Zugang zur
homöopathischen Arznei als einer Begleiterin des Menschen auf seinem Lebensweg
ermöglicht hat, habe ich in Anlehnung an die grundlegenden Einsichten von
Jean Gebser zu verstehen gelernt.
Für das Zustandekommen dieses Buches bedanke ich mich vor allem bei meiner
Frau, die mir für die nötige Zeit und Zurückgezogenheit im Schreibprozess
bedingungslose Liebe entgegengebracht hat und meine Sichtweise mit ihren eigenen
Bildern über Mensch und Arznei zudem noch wesentlich begleitet. Ich danke
darüber hinaus aber auch allen Menschen, die ihren Beitrag zu diesem Buch
– wie groß oder klein er auch immer gewesen sein mag – geleistet
haben, vielleicht sogar ohne etwas davon zu wissen, weil sie – als Patienten
in meiner Praxis – so sehr bedürftig waren, Hilfestellung von mir
zu erhalten, dass sie nicht bemerken konnten, dass ich es war, der in der therapeutischen
Begegnung reich beschenkt wurde und dadurch eine neue, vertiefte Einsicht in
die Bewegungen des Lebendigen gewinnen konnte.
St. Bartholomä, im Jänner 2006